- das Erbe, -n: das, was von etwas übrig geblieben ist – inheritance
- die Geisterstadt, Geisterstädte: eine Stadt, in der keine Menschen mehr leben
Wegen steigender Energiepreise
befürworten immer mehr Deutsche die
Annullierung des
Atomausstiegs - die Gefahren der
Kernenergie werden kaum thematisiert. Ganz anders in Tschernobyl: Auch 22 Jahre nach dem
GAU strahlt der Reaktor. SPIEGEL-TV-Reporterin Anna Sadovnikova war in der Todeszone.
- befürworten, befürwortete, befürwortet: to be in favor of
- die Annullierung, -en: abolition
- der Atomausstieg: nuclear phaseout
- die Kernenergie, -n: die Atomenergie
- GAU: größter anzunehmender Unfall – worst case scenario
Hamburg - Anfang der achtziger Jahre muss Pripjat ein Traum gewesen sein. "Die Stadt war jung, sauber,
umgeben von Wäldern und wunderschöner Natur", erinnert sich Ingenieurin Larissa Lebedewa. "Wir waren gut bezahlte Spezialisten mit
hervorragenden beruflichen Perspektiven. Alles
schien möglich. Und dann
brach alles
zusammen."
- umgeben: surrounded
- hervorragend: excellent
- scheinen, schien, geschienen: to seem
- zusammenbrechen (brichst, bricht), zusammenbrach, zusammengebrochen: to break down
In der Nacht des 26. April 1986 verlor Larissa Lebedewa ihren Glauben an die glorreiche Zukunft der Sowjet-Technologie. Die Atomphysikerin arbeitete damals im Kernkraftwerk Tschernobyl, und in jener Nacht
geriet um 1.24 Uhr Reaktor 4 des Leninkraftwerks
außer Kontrolle. Der
Meiler explodierte, Feuer
brach aus, radioaktiv
verseuchter Staub stieg in die Atmosphäre
auf.
- geraten, geriet, geraten: to become
- außer Kontrolle: out of control
- der Meiler, -: atomic pile
- ausbrechen (brichst, bricht), ausbrach, ausgebrochen: to burst
- verseucht: verschmutzt, vergiftet
- der Staub, -e: dust
- aufsteigen, aufstieg, aufgestiegen: to ascend, to rise
Mehr als 24 Stunden ließ die sowjetische Führung nach dem GAU
verstreichen, bevor Pripjat
evakuiert wurde. Mehr als tausend Autobusse kamen aus Kiew, um die Anwohner in Sicherheit zu bringen. Erlaubt war nur
Handgepäck für wenige Tage -
Anordnung der Partei. 49.000 Menschen wohnten in Pripjat bis zu jenem Tag, an dem
sich der schlimmste
Störfall in der Geschichte der Atomkraft
ereignete. Sie sollten nie zurückkehren.
- verstreichen, verstrich, verstrichen: to spread
- evakuieren, evakuierte, evakuiert: to evacuate
- das Handgepäck, -e: hand baggage
- die Anordnung, -en: order
- der Störfall, Störfälle: breakdown
- sich ereignen, ereignete, ereignet: to happen
Moos, Gasmasken, Kinderfotos
Bis heute führt nur eine einzige Straße nach Pripjat - und die wird streng bewacht. Noch immer ist die Strahlung in
unmittelbarer Nähe des Reaktors 200-mal höher als der
Grenzwert für
Zivilisten. Die Siedlung ist seit mehr als 20 Jahren eine Geisterstadt.
- unmittelbar: immediate
- der Grenzwert, -e: limit
- der Zivilist, -en: civilian
Die einstige Hauptstraße hat sich die Natur schon fast zurück
erobert. Zwischen
maroden Gehwegplatten
wuchern Bäume und
Sträucher. Der Kulturpalast "Energetik",
einst Mittelpunkt des öffentlichen Lebens in Pripjat, ist bis heute verseucht - durch Cäsium, Strontium und Plutonium, das die Kern
schmelze freisetzte. Das Gebäude ist, wie die meisten anderen in der Stadt, eine Ruine. Die frühere Schule -
verfallen. Das Haus ist mit Moos
bewachsen, auf dem Boden liegen Kinder-Gasmasken, Farbe blättert von den
Wänden, dazwischen hängen Kinderfotos.
- erobern, eroberte, erobert: to conquer
- marode: washed out, faded
- der Gehweg, -e: footpath
- wuchern, wucherte, gewuchert: to grow quickly
- der Strauch, Sträucher: bush
- einst: once
- schmelzen (schmilzt, schmilzt), schmolz, geschmolzen: to melt
- freisetzen, freisetzte, freigesetzt: to release
- verfallen: (bei Gebäuden) in sehr schlechtem Zustand – ruined
- bewachsen (bewächst, -), bewuchs, bewachsen: to cover with (vegetation)
Auch Jahrzehnte nach dem Unglück, das alles veränderte,
wagen sich nur wenige ins
Sperrgebiet. Aleksander Naumow ist einer davon. "Jede Fahrt in die Todeszone ist für mich wie eine
Warnung", sagt Ex-Polizist Naumow SPIEGEL TV. "Die Menschheit soll sich an das erinnern, was hier passiert ist, und an die vielen, die nicht überlebt haben. All jene, die hier bereits gestorben sind oder die noch an den
Spätfolgen sterben werden." Nach den höchst unterschiedlichen
Schätzungen liegt die Zahl der Opfer zwischen 4000 und 50.000. Einige russische Forscher nehmen sogar an, dass in den kommenden Jahrzehnten noch Hunderttausende Menschen an den Spätfolgen der Kernschmelze sterben könnten.
- wagen, wagte, gewagt: to venture
- das Sperrgebiet, -e: restricted area
- die Warnung, -en: advice about danger
- die Spätfolge, -n: long-term consequence
- die Schätzung, -en: die ungefähre Messung – estimation
"Die Gefahr ist noch nicht
vorüber"
Altlasten gibt es noch
etliche in Tschernobyl. Zwölf Kilometer vom Reaktor entfernt liegt etwa die Dneprower
Bucht, einst größter Hafen der Region. Eine ganze Flotte an Binnenschiffen wurde bei den
Aufräumarbeiten nach dem Unglück eingesetzt. Das Metall ist stark radioaktiv verseucht. Doch wie der strahlende Schrott
entsorgt werden kann, dafür gibt es keine Lösung.
- die Altlast, -en: inherited problem
- etliche: several, some
- die Bucht, -en: bay
- die Aufräumarbeit, -en: cleanup
- entsorgen, entsorgte, entsorgt: Müll wegbringen, um ihn an einem bestimmten Ort zu lagern – to dispose
Und auch der Schutzmantel des Unglücksreaktors
bereitet den
Behörden Sorgen. Die
Hülle ist marode, vor zwei Jahren wäre sie beinahe
eingestürzt. "Obwohl ich hier schon seit Jahren arbeite, habe ich noch immer Angst, wenn ich mich dem Katastrophenort
nähere", sagt selbst Oleksandr Nowikow. Er ist Sicherheitschef und
Vizedirektor in Tschernobyl. "Wir wissen Bescheid, welche Gefahren Reaktor 4 noch in sich birgt. Und wenn man ehrlich ist, muss man
zugeben: Die Gefahr ist auch nach 22 Jahren noch nicht vorüber."
- bereiten, bereitete, bereitet: hervorrufen; machen
- die Behörde, -n: eine öffentliche Institution
- die Hülle, -n: shell, cover
- einstürzen, einstürzte, eingestürzt: to collapse
- nähern, näherte, genähert: to approach
- der Vize: vice, second in command
- zugeben, zugab, zugegeben: to admit
Nun soll es eine neue Schutzhülle
richten, so hat es die ukrainische Regierung vor wenigen Monaten
beschlossen. Umgerechnet 500 Millionen Dollar wird die
Stahlbetonhaube kosten, finanziert zum Großteil von der Europäischen Union. Hundert Jahre Sicherheit versprechen die Planer. Doch der Generaldirektor der Atomruine, Igor Gramotkin, ist skeptisch. "Selbst wenn die neue
Abdeckung für den zerstörten vierten Reaktor gebaut wird, ist das Problem noch lange nicht
gelöst", sagte er SPIEGEL TV. "Es kommen noch schwerere Zeiten auf uns zu." Der radioaktive Müll, der durch den
bisherigen Sarkophag abgeschirmt wird, müsse
geborgen und entsorgt werden.
- richten, richtete, gerichtet: to fix
- beschließen, beschloss, beschlossen: sich entscheiden
- der Stahlbeton, -e/-s: ferroconcrete
- die Abdeckung, -en: covering
- lösen (löst, –), löste, gelöst: to solve
- bisherig: previous
- der Sarkophag, -e: sarcophagus
- abschirmen, abschirmte, abgeschirmt: to shield
- bergen (birgst, birgt), barg, geborgen: to retrieve
Diejenigen, die heute auf dem
Areal arbeiten, warnen nun
eindringlich vor einem
grundlegenden Missverständnis. "Wir haben Angst davor, dass die ganze Welt glaubt: Eine neue Abdeckung wird gebaut, und die Gefahr ist damit
gebannt. Das ist eine
Lüge", sagte Gramotkin. Die Wahrheit sei eine andere: "Der harte Kampf um die Sicherung des Reaktors wird bestimmt noch 30 bis 50 Jahre dauern."
- das Areal, -e: area, region
- eindringlich: insistently
- grundlegend: basic
- bannen, bannte, gebannt: to ban
- die Lüge, -n: lie
[
Spiegel - Friederike Freiburg]