Eine Fliege zu
erschlagen, ist schwierig. Denn das
flinke Insekt lässt sich kaum
erwischen. Wie ihm die Flucht
gelingt, haben Forscher jetzt
herausgefunden.
- erschlagen (erschlägst, erschlägt), erschlug, erschlagen: to kill
- flink: schnell, geschickt – agile
- erwischen, erwischte, erwischt: to catch
- gelingen, gelang, gelungen: erfolgreich sein – to succeed
- herausfinden, herausfand, herausgefunden: entdecken, bemerken – to find out
Wenn sie Gefahr
ahnen,
begeben sich Fliegen schon mal in die richtige Startposition.
- ahnen, ahnte, geahnt: to guess, to presage
- sich begeben (begibst, begibt), begab, begeben: to take to
Die Hand klatscht auf die leere Tischplatte, die Fliege war schneller. So ist es bei fast jedem
Versuch - kein Schlag sitzt, jedes Mal
entkommt das Insekt.
- der Versuch, -e: try, attempt
- entkommen, entkam, entkommen: fliehen, weglaufen, entweichen
Egal, ob der Jäger seinen
Hieb von vorne
ausführt, in der Hoffnung, dass die Fliege ihm dann automatisch entgegen komme; oder ob die
flache Hand von hinten an das Insekt heran
saust, in der
Überzeugung, dass die Fliege die
Bedrohung dann den
entscheidenden Moment zu spät realisiere.
- der Hieb, -e: stroke
- ausführen, ausführte, ausgeführt: to perform
- flach: flat
- sausen, sauste, gesaust: to hurry
- die Überzeugung, -en: der Glaube an etwas – belief
- die Bedrohung, -en: threat
- entscheidend: crucial
Fliegen sind fast immer schneller und das hat seinen guten Grund, wie Michael Dickinson und Gwyneth Card vom California Institute of Technology in der aktuellen Ausgabe von
Current Biology schreiben.
Demnach sind Fliegen
stets Herren der Lage, sie wissen genau, wohin sie flüchten müssen, um einer drohenden Gefahr zu
entgehen.
- demnach: accordingly
- stets: always
- Herr der Lage: master of the situation
- entgehen, entging, entgangen: to elude, to avoid
Egal, ob flache Hand oder Fressfeind, ob von vorne, von hinten oder von der Seite - die Tiere registrieren die nahende Bedrohung
binnen Millisekunden, bringen sich dann aber erstmal so in Stellung, dass sie mit einem Sprung in die beste Fluchtrichtung wegfliegen können.
- Fressfeind, -e: predator
- binnen: within
Hilfsmittel
Facettenauge
- die Facette, -n (auch: die Fassette, -n): facet
Der
Vorgang läuft in
Bruchteilen von Sekunden ab und ist für das menschliche Auge nicht
wahrnehmbar. Dickinson und Card filmten das Flucht
verhalten der Fliegen mit Hoch
geschwindigkeitskameras, die 5400 Bilder pro Sekunde machen.
- der Vorgang, Vorgänge: process, procedure
- der Bruchteil, -e: ein sehr kleiner Teil – fraction
- wahrnehmbar: perceptible
- das Verhalten, –: behaviour
- die Geschwindigkeit, -en: velocity
Damit konnten die Wissenschaftler
erkennen, dass die Tiere nicht einfach nur wegfliegen, sondern
gezielt in die Richtung starten, die den besten Fluchtweg
verspricht.
Naht die Bedrohung von vorne,
heben die Fliegen mit einem Sprung nach hinten
ab,
droht dagegen Gefahr von hinten, springen sie nach vorne weg. Seitlichen Angriffen entgehen sie mit dem Start nach der jeweils anderen Seite.
- erkennen, erkannte, erkannt: to detect
- gezielt: absichtlich; planvoll – purposefully
- versprechen (versprichst, verspricht), versprach, versprochen: to promise
- nahen, nahte, genaht: to approach
- abheben, abhob, abgehoben: to lift
- drohen, drohte, gedroht: threaten
Wichtigstes Hilfsmittel der Fliegen ist ihr Facettenauge, das nicht nur einen fast unbegrenzten Rundumblick ermöglicht, sondern auch 300 Einzelbilder pro Sekunde unterscheiden kann. Beim Menschen
verschwimmen bereits etwa 20 Bilder pro Sekunde zu einem Film.
- verschwimmen, verschwamm, verschwommen: to blur
Zudem arbeitet das Zentralnervensystem der Insekten zehnmal so schnell wie das des Menschen. Kein Wunder also, dass die Start
vorbereitungen einer Fliege nur rund 200Millisekunden dauern. Das genügt, dass der Schlag, den ein Mensch ausführt, meist zu spät kommt.
- die Vorbereitung, -en: preparation
Wie die Filme von Dickinson und Card zeigen,
löst der optische
Reiz durch die nahende Gefahr bei den Fliegen eine
Abfolge von
Bewegungen aus. Zunächst setzen die Tiere die vorderen und hinteren ihrer drei Beinpaare auf. Dann bringen sie sich in die optimale Startposition.
Je nachdem woher die Gefahr kommt,
versetzen sie ihr mittleres Beinpaar, also die Sprungbeine, nach vorne oder hinten und
lehnen zudem ihren Körper
weg von der Gefahr.
- auslösen, auslöste, ausgelöst: verursachen – to cause
- der Reiz: stimulus
- die Abfolge: sequence
- die Bewegung, -en: action
- je nachdem: it all depends
- versetzen, versetzte, versetzt: to shift
- weglehnen, weglehnte, weggelehnt: to put away
Gezielte Reaktionen
Dadurch
verlagern sie ihren Körperschwerpunkt so über die Sprungbeine, dass deren Schnellkraft sie beim Absprung gleich in die richtige Richtung katapultiert: weg von der Gefahr. Wenige Millisekunden vor dem Sprung
entfalten sich zusätzlich die
Flügel und unterstützen durch einen Schlag nach unten den Abflug.
- verlagern, verlagerte, verlagert: to shift, to move
- entfalten, entfaltete, entfaltet: to unfold
- der Flügel, -n: bewegliches Organ der Vögel und Insekten
Obwohl nur 200 Millisekunden von der ersten sichtbaren Reaktion auf die drohende Gefahr bis zu dem Moment
vergehen, in dem Fliegen ihre Fluchtpositionen eingenommen haben, handelt es sich bei der Bewegungsabfolge nicht um
Reflexe.
- vergehen, verging, vergangen: to pass
- der Reflex, -e: automatic reaction
So konnten die Wissenschaftler beobachten, dass die Tiere einen Start vorbereiteten, diesen dann aber doch nicht ausführten, wenn die Gefahr
sich als harmlos
erwies. Reflexe laufen dagegen automatisch ab und wären nicht
willentlich unterbrechbar.
- sich erweisen, erwies, erwiesen als: to prove as
- willentlich: intentionally
Zudem passen die Fliegen ihren
Bewegungsablauf nicht nur an die Richtung an, aus der die Gefahr droht. Sie
berücksichtigen auch ihre
Körperhaltung beim Eintritt der Gefahrensituation. Je nachdem, wo der Körperschwerpunkt gerade liegt, verändern sie ihre Haltung nur gerade so viel oder wenig wie
nötig.
- der Bewegungsablauf, Bewegungsabläufe: motion
- berücksichtigen, berücksichtigte, berücksichtigt: to consider
- die Körperhaltung, -en: bearing, posture
- nötig: necessary
Schnelles Fliegen
hirnStehen etwa die Sprungbeine zufälligerweise gerade richtig, werden sie nicht noch mal extra bewegt. So können die Tiere jederzeit ohne
Zeitverlust ihre Startposition einnehmen, egal ob sie gerade laufen, fressen oder sich putzen.
- der Zeitverlust _: loss of time
Für Michael Dickinson sind diese
Erkenntnisse ein Grund zur
Bewunderung: "In der extrem kurzen Zeit von 200 Millisekunden entscheidet die Fliege, woher die Gefahr kommt und aktiviert den Bewegungsablauf, um Beine und Flügel richtig zu positionieren." Das zeige, wie schnell das Fliegenhirn Information verarbeite und eine passende
motorische Antwort finde.
- die Erkenntnis, -se: discovery
- die Bewunderung, -en: admiration
- motorisch: of movement
Der Forscher hofft, dass seine Ergebnisse für eine höhere
Wertschätzung gegenüber Fliegen sorgen. Die Menschen sollten "denken, bevor sie
zuschlagen". Kein
übler Vorschlag: Man könnte zum Beispiel darüber nachdenken, ob es nicht erfolgversprechend wäre, von zwei Seiten gleichzeitig anzugreifen.
- die Wertschätzung _: admiration
- zuschlagen (schlägst, schlägt), zuschlug, zugeschlagen: to slam, to wham
- übler: unpleasant
[
Sueddeutsche - Wissen - Matthias Hopfmüller]