Streit um Schwedens erste private Kinderklinik
Ein Arzt gibt einem Kind eine Spritze in den Oberarm: In Schweden können Kinder in einer Privatklinik behandelt werden
In Stockholm ist ein privates Kinderkrankenhaus eröffnet. Die Manager versprechen kurze Wartezeiten und direkten
Zugang zu Ärzten. Für viele Politiker
rüttelt das Projekt an den Fundamenten der schwedischen Gesellschaft.
- der Zugang, Zugänge: access
- rütteln, rüttelte, gerüttelt: to shake
Bunte Tapeten mit Tieren und Raumschiffen
zieren das
Sprechzimmer und den kleinen Operationssaal im Erdgeschoss. Der
Kachelofen bullert behaglich, unter der Treppe wohnt der Troll. Stolz führt Peter Wasmuth durch die frisch renovierten
Räumlichkeiten. Er ist
Geschäftsführer der privaten Kinderklinik Martina, die hinter der
schmucken Fassade einer Holzvilla residiert.
- zieren, zierte, ziert: to adorn
- das Sprechzimmer, -: consulting room
- der Kachelofen, Kachelöfen: tiled stove
- bullern, bullerte, gebullert: dumpf dröhnen
- behaglich: comfortably
- die Räumlichkeit, -en: room, space
- der Geschäftsführer, –: der Chef einer Firma
- schmuck: tidy
Kurze Wartezeit mit Garantie
Blick vom Stadthaus auf Gamlastan Stockholm: Das erste private Kinderkrankenhaus in Stockholm
provoziert Diskussionen
- provozieren, provozierte, provoziert: to provoke, to stimulate
Das Interesse sei bereits kurz nach Eröffnung
gewaltig, freut sich der Unternehmer. Die Wartezeiten bei leichteren
Erkrankungen seien in den normalen Krankenhäusern einfach zu lang. In seiner Klinik würde
unmittelbarer Zugang zu erfahrenen Kinderärzten, Orthopäden, Allergologen, Psychiatern und einer Reihe weiterer Spezialisten garantiert.
- gewaltig: powerful
- die Erkrankung, -en: disease, illness
- unmittelbar: immediate
Behandelt wird aber nur, wer zahlt. Mit umgerechnet 150 Euro soll hier der Arztbesuch
zu Buche schlagen. Für 15 bis 32 Euro monatlich können Eltern zudem bei einem Partner der Klinik eine Versicherung abschließen, die dann die Behandlungskosten für das Kind
übernimmt.
- zu Buch schlagen: to make a difference
- übernehmen (nimmst, nimmt), übernahm, übernommen: to take over, to absorb
Patienten mit chronischen
Beschwerden oder
Behinderungen würden allerdings nur mit
Einschränkungen versichert,
erläutert Chefarzt Peter Gottfar. Die Zielgruppe seien Familien mit Kindern, die die
üblichen Beschwerden plagen: Infektionen, Bauchweh, Kopfschmerzen. Eine Notaufnahme habe die Klinik noch nicht und bei schwierigen Operationen verweise er an die etablierten Kliniken.
- die Beschwerden (nur Plural): die gesundheitlichen Probleme
- die Behinderung, -en: eine körperliche oder geistige Einschränkung – handicap
- die Einschränkung, -en: limitation
- erläutern, erläuterte, erläutert: to explain
- üblich: common
Ein unmoralisches Angebot?
Ein Kind bekommt
Hustentropfen: Laut UN-Kinderrechtskonvention haben alle Kinder ein Recht auf
bestmögliche medizinische Behandlung
- das Husten _: cough
- bestmöglich: best possible
Was die privaten Investoren der Martina-Klinik als
schlaues Geschäftsmodell verkaufen,
empfinden nicht wenige Schweden als
unanständiges Angebot. Eine Initiative sammelte im Internet 2000 Unterschriften gegen das "Krankenhaus für Reiche". Politiker aus linken wie bürgerlichen Parteien
beschworen das Ende der Solidargemeinschaft.
- schlau: clever
- empfinden, empfand, empfunden: to feel
- unanständig: indecent, immoral
- beschwören, beschwor, beschworen: to certify
Der
streitbare Kinderarzt Lars Gustafsson, einer der schärfsten Kritiker des Projekts,
fürchtet, dass bald niemand mehr Steuern für teure Behandlungen zahlen will, wenn
sich die private
Finanzierung weiter
ausbreitet. Schließlich stehe in der UN-Kinderrechtskonvention, dass alle Kinder ein Recht auf bestmögliche medizinische Behandlung haben sollen. "Das steht aber in Frage, wenn
tüchtige Ärzte und Pfleger in Zukunft lieber für die privaten Kliniken arbeiten, weil die mehr Mittel und bessere Bedingungen haben", so Gustafsson.
- streitbar: combative
- fürchten, fürchtete, gefürchtet: to fear
- das Finanzierung, -en: funding
- sich ausbreiten, ausbreitete, ausgebreitet: to spread
- tüchtig: fleißig, gut – skilled
Zwar gibt es im Lande private Kliniken für Erwachsene, doch die sind Teil des öffentlichen Gesundheitssystems, das fast vollständig aus Steuereinnahmen finanziert wird. Erwachsene zahlen eine Praxisgebühr.
Bürokratie statt Behandlung
Ärzte operieren einen Teddybären: Die Kinderklinik Martina rechnet mit 20.000 kleinen Patienten
Für Kinder ist der Arztbesuch gratis. Kinderärzte gelten allerdings als Spezialisten, für die man eine Überweisung braucht. Im Notfall bieten schwedische Kliniken
erstklassige Versorgung. Das Gesundheitssystem krankt aber zugleich an Zeit stehlender Bürokratie und langen Wartezeiten.
Den
Vorwurf der Zwei-Klassen-Medizin
weist Chefarzt Gottfar
empört zurück. Schließlich
trage man da
zu bei, das
Nadelöhr bei den öffentlichen Ambulanzen zu entschärfen. So warte ein Kind mit Husten, Fieber und
Erbrechen dort
mitunter einige Stunden, bis Hilfe kommt. Und bei Kopfschmerz oder Migräne könne es durchaus zwei bis drei Monate dauern, bis
sich ein Facharzt
der Sache annimmt.
- der Vorwurf, Vorwürfe: accusation
- zurückweisen (weist, –), zurückwies, zurückgewiesen: to decline, to reject
- empört: wütend wegen etwas – disgustedly
- beitragen, beitrug, beigetragen zu: help to cause
- das Nadelöhr, -e: eye of the needle [ad sensum: bottleneck]
- das Erbrechen _: nausea
- mitunter: sometimes, occasionally
- sich einer Sache annehmen (annimmst, annimmt), annahm, angenommen: sich mit etwas beschäftigen
Mit jährlich bis zu 20.000 Patienten rechnen die Ärzte der Martina-Klinik. Klappt es in Stockholm, sollen in Kürze ähnliche Unternehmen in Malmö und Göteborg eröffnen.
[
Deutsche Welle Fokus Europa - Alexander Budde - 06-10-2008]