2711 Steine

Das Holocaust-Mahnmal
  • das Mahnmal, -e / Mahnmäler: ein Denkmal, das an ein schlimmes Ereignis erinnern soll, damit ein
  • solches Ereignis nicht wieder passiert - memorial
    • das Denkmal, Denkmäler: ein Bauwerk, das an bestimmte Menschen oder Ereignisse erinnert – monument
      • das Bauwerk, –e: etwas Gebautes
Es ist ein ungewöhnliches Denkmal:
  • ungewöhnlich: nicht normal; außerordentlich
2711 graue Betonblöcke, in Reihen aufgestellt, mitten in Berlin.
  • der Block, –s / Blöcke: ein viereckiges Ding aus Stein, Holz etc.
  • aufstellen, aufstellte, aufgestellt: to erect, to install
Das Holocaust-Mahnmal erinnert an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus – und sorgt regelmäßig für Diskussionen.
  • erinnern, erinnerte, erinnert an: to remind of
  • sorgen, sorgte, gesorgt für: verursachen
Was ist erlaubt an einem solchen Ort?
  • erlauben, erlaubte, erlaubt: to allow, to permit
(Foto: Zwei junge Frauen auf Betonpfeilern, eine dritte springt gerade von einem Pfeiler zum anderen)
  • der Pfeiler, –: eine dicke senkrechte Stange aus Stein, Metall oder Holz; eine Art Säule
    • senkrecht: aufrecht; gerade – perpendicular
    • die Stange, -n: bar, pole, rod, stick
  • springen, sprang, gesprungen: to jump
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Das Holocaust-Mahnmal im Zentrum Berlins ist ein Denkmal. Es erinnert an die Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten.
  • die Ermordung, -en: der Mord
Es besteht aus 2711 grauen, unterschiedlich großen, rechteckigen Steinen, die in Reihen aufgestellt sind.
  • unterschiedlich: verschieden
  • rechteckig: rectangular
Sie bilden schmale Gänge, durch die man immer nur allein gehen kann.
  • schmal: eng – narrow
  • allein: alone
Der amerikanische Architekt Peter Eisenman wünscht sich, dass jeder Besucher dem Holocaust-Mahnmal eine eigene Bedeutung gibt.
  • die Bedeutung, -en: meaning
Daher lehnt er jede Deutung seines Denkmals ab.
  • ablehnen, ablehnte, abgelehnt: nicht annehmen; nicht akzeptieren – to reject
  • die Deutung, -en: analysis, intepretation
Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu, wie die Besucher mit dem Denkmal umgehen sollen.
  • umgehen, umging, umgangen mit: to deal with
Das berichten auch die Wachschützen, die auf das Denkmal aufpassen:
  • berichten, berichtete, berichtet: to relate
  • aufpassen, aufpasste, aufgepasst auf: to look after
Während die einen durch die Gänge gehen, springen die anderen über die Steine.

Einige wollen sich auf den Betonblöcken sonnen, andere möchten sich noch nicht einmal auf diese setzen.
  • sich sonnen, sonnte, gesonnt: sich in die Sonne legen – to sunbathe
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SPRECHER:
Es ist nicht ganz ungefährlich, in dieses Kunstwerk abzutauchen.
  • ungefährlich: safe
  • das Kunstwerk, -e: artwork
  • abtauchen, abtauchte, abgetaucht: nicht mehr zu sehen sein
Die schmalen Gänge zwischen den scharfkantigen Betonblöcken sind momentan vereist.
  • scharfkantig: so, dass Linien sehr gerade und klar sind – sharp-edged
  • vereist: von Eis bedeckt
    • vereisen, vereiste, vereist: to freeze
Und ständig geht es auf und ab.
  • ständig: sehr oft; dauernd; immer wieder
  • auf und ab: swaying
Aber dies ist auch kein Ort, an dem man die Balance finden soll.
  • die Balance, -n: der Ausgleich
Im Gegenteil.
  • im Gegenteil: on the contrary
Man soll aus dem Gleichgewicht kommen.
  • das Gleichgewicht _: die Balance
Dieser Ort ist ein Mahnmal, zu dem sich die Deutschen nach 17-jähriger Diskussion durchgerungen haben.
  • sich zu etwas durchringen, durchrang, durchgerungen: sich nach vielem Nachdenken für etwas entscheiden, das einem schwerfällt
Es ist das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa, die Opfer des Holocausts.
  • ermorden, ermordete, ermordet: töten, umbringen
Seit Mai 2005 steht es nun an prominenter Stelle: im Herzen der deutschen Hauptstadt mitten im Regierungsviertel.
  • das Regierungsviertel, -: government quarter
2711 unterschiedlich große parallel aufgereihte Betonpfeiler ragen leicht geneigt auf einer Fläche von 19000 qm in die Höhe.
  • aufreihen, aufreihte, aufgereiht: to string
  • ragen, ragte, geragt: to tower
  • geneigt: nicht senkrecht
    • neigen, neigte, geneigt: to bend, to incline
Die Gänge zwischen den grauen Steinen sind schmal. So schmal, dass man nur allein hindurchgehen kann.
  • hindurchgehen, hindurchging, hindurchgegangen: to go through
Oft wurde versucht, das Bauwerk zu deuten.
  • versuchen, versuchte, versucht: to try
  • etwas deuten, deutete, gedeutet: einer Sache eine Bedeutung geben; etwas interpretieren
    • interpretieren, interpretierte, interpretiert: to explain
An jüdische Grabsteine würden die Stelen erinnern.
  • der Grabstein, -e: gravestone
Ihr Grau könnte für die Asche verbrannter Juden stehen.
  • verbrennen, verbrannte, verbrannt: to burn, to incinerate
Doch der Architekt Peter Eisenman lehnt jede Deutung ab.

Er bezeichnet das Mahnmal als "Place of no Meaning", einen Ort ohne bestimmte Bedeutung.
  • bezeichnen, bezeichnete, bezeichnet: to name
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PETER EISENMAN (Architekt):
Ich war noch niemals an einem Ort wie diesem hier.
  • niemals: never
Das bringt es auf den Punkt.
  • etwas auf den Punkt bringen, brachte, gebracht: etwas so formulieren, dass es das Gemeinte sehr klar ausdrückt
    • der Punkt, -e: point, spot
    • meinen, meinte, gemeint: to mean
    • ausdrücken, ausdrückte, ausgedrückt: to express
Es gibt nichts, was sich mit dem Holocaust vergleichen lässt.
  • sich vergleichen, verglich, verglichen mit + Dativ: to compare with/to
Und wenn es eine Beziehung zwischen dem Holocaust und diesem Denkmal gibt, dann ist es dieses Unvergleichliche.
  • die Beziehung, -en: relation
  • unvergleichlich: incomparable
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SPRECHER:
Eisenman wünschte, dass sich die Besucher das Denkmal aneignen:
  • sich etwas aneignen, aneignete, aneignet: sich mit einer Sache beschäftigen und sie verstehen; lernen
es durchlaufen, besteigen – es in Besitz nehmen.
  • durchlaufen, durchlief, durchgelaufen: to pass through
  • besteigen, bestieg, bestiegen: steigen, zunehmen, stärker werden
  • in Besitz nehmen (nimmst, nimmt), nahm, genommen (+ Akkusativ): to take possession of something
Und genau das tun sie auch. Doch so einfach ist das dann doch nicht.

Zwei Wachschütze achten darauf, dass möglichst niemand über die Stelen springt.
  • achten, achtete, geachtet auf: pay attention to
  • möglichst: as much as possible
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DETLEF BENTER (Wachschützer):
Es ist nun – leider Gottes ist es so, dass Peter Eisenman damals das ja so angestrebt hatte, dass hier das Leben offen ist.
  • etwas anstreben, anstrebte, angestrebt: etwas zum Ziel haben
Also, man kann hier auch über die Stelen springen, man kann hier durchlaufen.

Er hätte das gerne gewollt, ja. Aber es ist nicht im Interesse der Stiftung und ich glaube auch nicht im Interesse der Hinterbliebenen oder [derer,] die die Zeit erlebt haben.
  • die Stiftung, –en: eine Organisation, die Geld für ein bestimmtes Projekt sammelt
  • der/die Hinterbliebene, –n: die Verwandten und Bekannten eines/r Toten
Die empfinden so was als Beleidigung.
  • die Beleidigung, -en: insult, offence
Das haben wir selber schon durch Gespräche gehört.
  • das Gespräch, -e: der Dialog
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SPRECHER:
An kaum einem anderen Ort in Deutschland ist ein neues Bauwerk so stark mit Bedeutungen und Gefühlen aufgeladen wie hier.
  • das Gefühl, -e: emotion, feeling
  • aufgeladen mit etwas: voll von etwas
    • aufladen (lädst, lädt), auflud, aufgeladen: to charge, to load
Und das obwohl oder vielleicht auch gerade weil Eisenman an der Oberfläche auf eine klare Symbolik verzichtet hat.
  • die Symbolik _: die tiefere Bedeutung - symbolism
  • auf etwas verzichten, verzichtete, verzichtet: etwas nicht haben oder tun wollen
Das Bauwerk war und bleibt ein Ort der Konfrontation.
  • die Konfrontation, –en: das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ansichten
    • das Aufeinandertreffen _: clashing
    • die Ansicht, -en: die Meinung, die Auffassung
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ASTRID RÖWER-KRÜGER (Wachschützerin):
Manche beschweren sich eben, dass es zu ruhig ist. Manche sagen wieder, sie hätten mehr Ruhe.
  • sich beschweren, beschwerte, beschwert: to complain
Und manche sehen eben nicht ein, dass es hier erlaubt ist, dass man sich zumindest hinsetzen darf.
  • etwas einsehen, einsah, eingesehen: sich von etwas überzeugen lassen - to realize
    • überzeugen, überzeugte, überzeugt von: to convince of
  • sich hinsetzen, hinsetze, hingesetzt: to sit down
Das empfinden die eben schon als Frevel.
  • empfinden, empfand, empfunden: to feel
  • der Frevel, –: eine respektlose Handlung - outrage
Und andere sagen wieder. "Ja, warum dürfen wir uns hier nicht sonnen?" Also, das wird wohl nie ausbleiben.
  • ausbleiben, ausblieb, ausgeblieben: to be missing
Dazu ist die Menschheit zu verschieden.
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SPRECHER:
Ist man erst einmal eingetaucht in diese fensterlose Stadt aus Beton, kann man sich der verunsichernden Wirkung nur schwer entziehen.
  • eintauchen, eintauchte, eingetaucht in + Akkusativ: to dip in
  • jemanden verunsichern, verunsicherte, verunsichert: jemanden unsicher machen; jemandem die Sicherheit nehmen
  • sich einer Sache (Genitiv) entziehen, entzog, entzogen: sich von etwas nicht beeinflussen lassen
Obwohl man immer den Horizont sieht, scheint er doch kaum erreichbar.
  • der Horizont, –e: die Linie zwischen Himmel und Erde, die man in der Ferne sieht
  • etwas zu sein oder zu tun scheinen, schien, geschienen: den Eindruck machen, etwas zu sein oder zu tun
Die Wellenlinien der Wege ziehen einen in den Boden.
  • die Wellenlinie, -n: wavy line
Man verliert das Gleichgewicht und hört Stimmen. Aber woher sie kommen, bleibt unsichtbar.
  • verlieren, verlor, verloren: to lose
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DETLEF BENTER:
Man hat schon das Gefühl, gerade wenn man in der Mitte der Stelen durchgeht – dieses beklemmende Gefühl oder diese Art Labyrinth – was kommt von rechts, was kommt von links.
  • beklemmend: so, dass man ein wenig Angst bekommt - nightmarish
  • das Labyrinth, –e: ein System aus vielen Gängen, das so kompliziert ist, dass man nicht mehr weiß, wie man wieder hinauskommt
    • hinauskommen, hinauskam, hinausgekommen: to come out
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ASTRID RÖWER-KRÜGER:
Es ist wirklich, man, ja, man hört nichts mehr vom Großstadtlärm.

Und die Leute, die durchlaufen, ja, die verschwinden ja mit einem Mal auch um die Ecke und tauchen vielleicht nie wieder auf.
  • verschwinden, verschwand, verschwunden: nicht mehr zu sehen sein – to disappear
  • auftauchen, auftauchte, aufgetaucht: wieder zu sehen sein; überraschend sichtbar werden
Vielleicht an der nächsten Ecke laufen sie einem doch wieder über den Weg. Also, ist eben ganz unterschiedlich, ne.
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SPRECHER:
Am Ende ist man froh, wenn man wieder heraus ist.

Dies ist wohl das erste Mal, dass dieser Satz für ein Kunstwerk als Kompliment gemeint ist.
  • das Kompliment, –e: ein freundlicher Kommentar; ein Lob
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